Der Sommer 2020 wurde durch COVID so ziemlich über den Haufen geworfen. Nichts durfte gemacht werden, nirgends konnte man hin, einfach absolut langweilig.
Umso mehr wurde 2021 erwartet. Impfungen, durchgemachte Erkrankungen, Tests und Zertifikate ermöglichen endlich eine leichte Rückkehr ins normale Leben.
Seit Januar 2020 stecke ich im Homeoffice fest, aber diesen Sommer will ich eine Reise machen! Der Süden wäre cool, oder? Warmes Wetter, mediterrane Küche, Pizza, Fisch, Pasta, Grillpartys – ein Traum! Aber dort sind Waldbrände und Überschwemmungen. Nicht so toll für die Ferienplanung. Dank Serien wie “Frikjent”, “Grenseland”, “Bedrag”, “Karppi”, “Bron/Broen”, “Kaikki synnit”, “Sorjonen” und so weiter, kommt spontan nur der Norden in Frage.
Keine negativen Schlagzeilen, Einreise ist mit Test möglich – also wird der bildliche Rucksack gepackt. Schlafsack, Zelt, Schlafmatte, ein paar Kleider und natürlich die Zahnbürste. Einen Tag später sitze ich schon im Auto.
Wohin? Keine Ahnung!
Ziel? “Der Norden”.
Was mich genau erwartet? Keine Ahnung!
Aber hey, normal kann jeder!
Donnerstag 05.08.2021
8 Uhr morgens, der Roadtrip startet – was kann da schon schiefgehen?
Kurz darauf in Thayngen an der Grenze, aktiviere ich die EU SIM Karte und beantworte die Fragen des freundlichen deutschen Zöllners, der natürlich wissen will, wohin die Reise geht.
Voll motiviert geht’s weiter über Stuttgart, Würzburg, Kassel, Hannover, Hamburg und Lübeck bis nach Puttgarden zum Fährterminal von Scandlines. Die EU SIM Karte wollte sich zwar nicht verbinden, aber, es hat trotzdem geklappt, auch wenn ein paar Kilometer dazugekommen sind weil die Beschilderung irreführend war.
In Rødbyhavn angekommen, geht die Fahrt mitten in der Nacht weiter. Aber nach 50 Kilometern ist dann Schluss für heute. Auf einem Parkplatz auf dem Ravnse parkering wird das Auto im Handumdrehen zum Schlafwagen umfunktioniert. Dann heisst es endlich: Nachtruhe.
Freitag 06.08.2021
Nach 6 Stunden Schlaf gehts weiter Richtung Kopenhagen. Die kleine Meerjungfrau zu sehen wäre nice gewesen, aber der Verkehr und der Stau nehmen den Spass.
Sightseeing-Plan: Gecancelt!
Stattdessen gehts ab nach Malmö, erst durch den Tunnel, dann über die berühmte Øresundsbron (ja, die aus der Serie “Bron/Broen”). Tolle Aussicht, aber Halt machen für ein Foto geht natürlich gar nicht! Die Maut wird am Brückenende abkassiert, danach kontrolliert der Zoll kurz, und weiter gehts nach Malmö.
Im Emporia Shopping Center gibts Süssigkeiten im Offenverkauf und einen Mobile Shop für eine neue EU SIM Karte. Mit Internet ist halt alles einfacher; wer will heute noch diese Strassenkarten, die sich nie wieder richtig zusammenfalten lassen? Gut, für spontane Roadtrips sind sie aber schon praktisch.
Nach viel vertrödelter Zeit hab ich jetzt echt hunger. Blöd nur, die meisten Restaurants sind schon geschlossen. Per Zufall entdecke ich das Strandcafé (Link zu Google Maps).
Normalerweise meide ich Cafés wegen einiger fiesen Erfahrungen vor gefühlten Ewigkeiten, aber diesmal wage ich es. Der freundliche Besitzer hilft beim Übersetzen der Karte, und wir kommen ins Plaudern über dies und das. Ruckzuck steht dann auch schon mein Essen vor mir. Sieht nicht nur gut aus, schmeckt auch so! Und der nette Herr wünscht mir tatsächlich “En Guete”; der Koch ist auch Schweizer.
Nach dem Essen wird noch am Strand abgehängt.
Später gehts zum Borstahusens Camping bei Landskrona (Link zu Google Maps). Zelt aufgebaut, warm geduscht kann der Abend frischer genossen werden. Auch gibt es ein Gespräch mit den schwedischen Zelt-Nachbarn, die mir Tipps geben, was man hier erleben kann.
Die Nacht im Zelt ist frostig, und ich habe natürlich keine Extradecke. Vielleicht hab ich mich doch nicht so optimal auf diesen Roadtrip vorbereitet. Diese Reise war ja auch nicht mehr als ein Geistesblitz.
Samstag 07.08.2021
Am Mittag unternehme ich einen kleinen Spaziergang am Strand bis zum winzigen Hafen von Borstahusen. Dort helfe ich einem Herrn dabei, sein Boot auf seinen Hänger aufzuladen, während er die Seilwinde bedient. Das Boot ist dann auf dem Trailer und er bedankt sich.
Dann gehts zurück zum Campingplatz, um weiterzudösen.
Abends zieht es mich nach Landskrona ins Speaker’s Corner i Landskrona AB (Link zu Google Maps) zum Essen.
Das Personal ist freundlich und das Essen lecker. Danach wieder zurück zum Campingplatz, um für den nächsten Tag topfit zu sein. 😴🌟
Sonntag 08.08.2021
Guten Morgen! Der Tag beginnt trocken, was ideal ist, um das Zelt zusammenzupacken und im Auto zu verstauen.
Danach gehts auch schon los Richtung Norden nach Helsingborg.
In Helsingborg angekommen, steht erstmal Frühstück auf dem Programm. Zeit, sich das Städtchen anzusehen – nun ja, nichts wirklich Spektakuläres.
Weiter gehts nach Göteborg. Einen ausgiebigen Stadtspaziergang spare ich mir diesmal und mache eine einfache Stadtrundfahrt.
Nach dieser entspannten Sightseeing-Tour geht die Reise weiter nach Strömstad, praktisch die letzte Station vor der norwegischen Grenze.
Ich finde einen tollen Zeltplatz im Lagunen Camping (Link zu Google Maps) direkt am Wasser. Die Aussicht hier ist erstklassig, fast wie in einer Art “Pirate Bay”.
Die Atmosphäre ist wirklich ruhig und die Anlagen sind sauber. Meine Zeltnachbarn sind zwei Holländer, die auch auf einer Nordreise unterwegs sind, jedoch in eine andere Richtung und mit anderen Zielen.
Für das Abendessen versuche ich mein Glück im Städtchen.
Das Restaurant mit schwedischer Küche kann mich leider nicht überzeugen. Auch die Restaurants am Pier sind komplett überfüllt; keine Chance, einen Platz zu ergattern.
Die Restaurantauswahl hier ist auch nicht gerade inspirierend:
- Völlig überteuerte Fisch- und Seafood-Gerichte; allein der Anblick der Preise verursacht Bauchschmerzen, Ferien hin oder her.
- Ein Lokal bietet “Thai – Sushi – Grill – Bar” an; ja, was denn nun: Thai, Sushi oder Grill? Wieder von allem ein bisschen.
- Das Restaurant daneben hat Hummus, Caesar Salad, Nachos, Club Sandwich, Taco Pizza, Pizza Hawaii; auch hier von allem etwas, aber nichts überzeugt wirklich.
Am Ende finde ich doch noch etwas, aber ehrlich gesagt, im Nachhinein, hätte ich meinen Hunger für den nächsten Tag gespart.
Zurück auf dem Campingplatz gibt es ein gemütliches Gespräch mit den Holländern, und dann ist auch schon Schlafenszeit.
Montag 09.08.2021
Guten Morgen! Der Tag startet mit einer grandiosen Aussicht auf meine eigene “Pirate Bay”. Beim Duschen wirds allerdings frostig, denn in der Gegend ist der Strom ausgefallen. Aber hey, wer braucht schon warmes Wasser, wenn man eine “Pirate Bay” hat!
Auf dem Weg zur norwegischen Grenze stecke ich im Verkehr fest. Nach einer Stunde Stop-and-Go wird klar warum: Alle Personen werden auf COVID getestet. Diejenigen mit Zertifikat dürfen weiterfahren, während andere einen Abstecher zum COVID-Testzelt machen müssen.
Nach diesem Checkpoint gehts endlich Richtung Oslo weiter. Glücklicherweise konnte ich das AirBnB-Zimmer kurzfristig im Voraus gebucht werden. Ein echter Glücksgriff!
Die Fahrt nach und durch Oslo verläuft entspannt, ohne Stress oder Komplikationen.
Nach dem Einchecken im AirBnB lasse ich das Auto stehen und wechsle zum ÖV. Bus und U-Bahn bringen mich ins Zentrum, ganz ohne Parkplatzsuche. Von COVID ist hier anscheinend keine Spur. Die Gesichtsmaske ist höchstens eine Empfehlung und nur zwei Leute in der U-Bahn tragen überhaupt eine. Alle anderen verhalten sich so, als gäbe es kein Morgen, ohne ernsthaftes Social Distancing. Genau wie in Schweden.
Im Stadtzentrum laufe ich einfach ziellos herum und schaue mir alles Mögliche an. Am Hafen entscheide ich mich für eine Schiffstour, bei der es neben einer Rundfahrt auch Crevetten à Gogo zu essen gibt.
An Bord wirds zwar eng, aber jeder Gast bekommt Platz an einem Tisch. Ich teile meinen Tisch mit einer amerikanischen Familie.
Die Fahrt auf dem motorbetriebenen Segelboot ist angenehm und entspannt.
Vom Wasser aus sieht alles anders aus als von der Strasse. Nach der halben Fahrt kommen endlich die Crevetten.
Alle an Bord sind damit beschäftigt die kleinen Viecher zu schälen, aber das Sightseeing und die Diskussionen gehen trotzdem weiter.
Denn mal ehrlich, wer kann bei so einer tollen Aussicht und einem Teller voller Crevetten still sitzen?
Nachdem sich alle satt gegessen haben, gibt es einen gemütlichen Ausklang mit der Rückkehr in den Hafen. Man verabschiedet sich und ich springe auf den Bus. Dieser bringt mich fast vor die Haustüre meiner Unterkunft.
Es war ein langer Tag und ich habe viel gesehen. Schnell schlafe ich dann auch ein.
Dienstag 10.08.2021
Der Tag startet mit vollem Schwung! Während ich auf den Bus warte, checke ich mal eben die Elektro-Scooter aus und wie die Dinger eigentlich funktionieren. Während der Busfahrt ins Zentrum installiere ich mir die Scooter-Apps auf dem Handy.
Bereit wie ein Profi, schnappe ich mir meinen ersten Scooter. Mit dem Gefühl, das Sightseeing-Spiel neu erfunden zu haben, düse ich wild durch die Stadt.
Es spart halt eben doch viel Zeit.
Zu Fuss bräuchte ich Tage, aber mit dem Scooter schrumpfen die Entfernungen auf ein paar Stunden. Während meiner wilden Fahrt sehe ich alles Mögliche: Altstadt, Munch Museum, Opernhaus, Aker Brygge, Karl Johans Gate, Domkirche, Mathallen, Hauptbahnhof, und noch eine ganze Menge mehr.
Nachmittags fährt mich der Scooter zum Viking Ship Museum (Vikingskipshuset) und dann weiter ins Norwegian Maritime Museum (Norsk Maritimt Museum) und Fram Museum (Frammuseet). Das Kon-Tiki Museum ist leider geschlossen.
Den Scooter lass ich einfach stehen und nehme die Fähre zurück ins Zentrum.
Früh abends entspanne ich am Sørenga Sjøbad (dem öffentlichen Strandbad), lasse die Sonne auf mich scheinen, döse so vor mich hin und mache mich schon mal mental auf die Heimreise gefasst.
Nach einer viel zu teuren norwegischen Pizza in Aker Brygge, beschliesse ich kurzerhand, mit einem Scooter zurück zur Unterkunft zu düsen – einfach, weil ich das mal ausprobieren will.
Der Weg ist trotz GPS-Führung nicht ohne. Dazu muss ich den Scooter mehrmals wechseln, weil die Gratisminuten pro Scooter jedesmal aufgebraucht sind. Schlussendlich geht es im Schneckentempo 20 Minuten lang den Hügel hoch; ein Krampf für den Scooter bei meinem Gewicht 😂😂😂.
An der Bushaltestelle stelle ich das Ding einfach ab – wer wird wohl die Batterien wieder aufladen? 😉🛴
Mittwoch 11.08.2021
Heute heisst es wieder (das bildliche) Zelt abbauen und die Unterkunft sauber machen. Gemütlich geht es los, auf dem gleichen Weg zurück, den ich hochgefahren bin. Wieder durch Göteborg und Halmstad, und weiter bis nach Malmö.
Leider ist es schon 20:30 Uhr, und entweder haben die Restaurants geschlossen oder wollen keine neuen Gäste mehr bedienen, da es schon sehr spät ist. Hätte ich doch bloss vorher haltgemacht und etwas gegessen.
Frustriert fahre ich über die Øresundsbron bis nach Rødbyhavn. Auf dem Schiff gibt es nur noch Pommes und irgendwas Paniertes, das aussieht, als käme es direkt von Tricatel. Naja, dann eben Hungernacht.
In Deutschland angekommen, schaffe ich es noch bis zum Rastplatz “Ostseeblick” bei Heiligenhafen, wo ich wegen der Namen unbedingt übernachten will. Leider pech gehabt, alle Plätze sind von Lastwagen besetzt. Also entscheide ich mich kurzerhand für die schweizer Lösung: Ich parkiere einfach auf der Wiese, wo noch Platz ist. Ganz diskret, versteht sich!
Donnerstag 12.08.2021
Früh am Morgen brummen schon die Lastwagen und lassen ihre Motoren warm laufen. Da will ich nicht hintenanstehen und starte auch durch.
Die Fahrt verläuft unspektakulär über Hamburg, Hannover, Frankfurt und Basel zurück nach Hause. Alles nur Autobahn, mehr gibts hier nicht zu sehen.
Es ist schon Abend, als ich endlich ankomme. Mit ein paar Pausen und Fähre hat die Fahrt von Oslo knapp 34 Stunden gedauert, für fast 2000 km. Keine Glanzleistung, aber definitiv entspannt.
Also, “Norden”, ich komme wieder! 😄✌️

